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Das Internet und Ich, eine Hassliebe

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Ich hatte schon mehrere solcher Pausen, Social-Media-Ermüdungserscheinungen und die Angst vor einer Art Ohnmacht. Zu viele Eindrücke, die mich beschäftigen, zu wenig Zeit oder Geschick entsprechend darauf reagieren oder damit umgehen zu können. Der Abstand zwischen den Pausen wurde in der letzten Zeit immer kürzer, die Pausen länger und heftiger, noch zurückgezogener. Trotzdem blieb die Hoffnung, dass die Euphorie mich wieder einfängt und ich mich selbst wieder finde, neu geboren werde für und mit dem Netz, das ich doch eigentlich so liebe.

Ich hab im Internet mit lieben Menschen zusammen geweint und gelacht, zusammen riskiert, verloren und gewonnen. Grenzen überschritten; mentale, emotionale, sogar internationale. Viel gelernt und den Verstand begraben. Ein Geben und ein Nehmen, manchmal ohne Balance.

Seit knapp 11 Wochen habe ich u.a. facebook und instagram gemieden. Zum Selbstschutz und zum Schutz der Privatsphäre anderer Leute. Ich habe seit einiger Zeit kaum und wenn nur beruflich getwittert. Drei Welten, die für mich zentral wichtig waren um mich auszudrücken, Inspiration zu bekommen, zu sehen wie es mir Nahestehenden geht, was sie beschäftigt. Energie zu tanken und anderen zu geben. Ich habe viel verpasst, viel vermisst, mir wahnsinnige Sorgen gemacht, habe versucht dieses Loch teilweise durch eher direkte Kommunikation wieder aufzufangen. Oder mich mit Lesen, Fernsehen, Musik und Sport abzulenken. Aber es klappt nicht, weder so, noch so. Weder mit, noch ohne.
Natürlich ist weder ein Netzwerk als solches noch Apps schuld, das sind lediglich Transportmittel für Kommunikation. Aber es geht eben letzten Endes um Emotionen und wie man damit umgeht.   
  
Netzwerke zu ignorieren, Accounts zu löschen, unterzutauchen, die Augen zu schließen und zu warten bis es vorbei ist. Das liegt bei einer emotionalen Überforderung, Gefühlsverstimmung oder Reizüberflutung nahe, löst aber nicht das Problem. Früher oder später holt einen das Ganze wieder ein.
           
Ich war nie ein Kommunikations-Genie, egal über welche Wege. Ich finde selten die richtigen Worte, Ich habe nie wirklich gelernt zu diskutieren. Ich vermittle nicht das Gefühl zuzuhören, obwohl mir kaum etwas wichtiger ist als zu verstehen. Ich habe eine Tendenz Dinge überzubewerten und misszuverstehen. Ich wirke für Außenstehende arrogant, dabei ist es Zurückhaltung und alles andere als Desinteresse. Ich brauche Austausch in beide Richtungen und bin dankbar für jede Reaktion, jegliches Vertrauen, das mir entgegen gebracht wird. Ich schätze es, wenn man mich nach meiner Meinung fragt und einbezieht. Ich helfe gern, nein, noch viel mehr: Ich brauche es anderen helfen zu können um mich selbst gut zu fühlen. Win-win? Nicht immer.

Mit diesem Bewusstsein habe ich versucht an mir zu arbeiten und in Projekten wie 365days und 365minutes einen Weg dafür zu finden. Der ganze Prozess von der Idee, der Ausarbeitung bis zum Upload, der Dialog damals über Kommentare, Fragen und Antworten, all das hat mich viel gelehrt. Wie wichtig es ist offen zu sein und authentisch. Was es bedeutet sowohl Hochs als auch Tiefs zu teilen. Welche therapeutischen Wirkungen das haben kann.      
                  
Vieles hat sich seit dem geändert. Kommunikation funktioniert heute anders als z. B. 2007. Es gibt mehr Content von mehr Leuten, alles ist viel schnell- und kurzlebiger. In diversen Timelines und Streams rattern einem tausende von Einflüssen um die Ohren und man hat selbst die Chance dank Smartphones von überall mitzuwirken oder es auf sich wirken zu lassen. Das macht Spaß. Man ist dabei. Man lernt neue Leute kennen. Alles wird geherzt und geliked. Aber viel Wichtiges gelangt unbemerkt in den Hintergrund, meist bleiben Aussagen oberflächlich und es wird weniger kommentiert. Es kommt zu Missverständnissen. Man sieht nicht mehr nur die Beiträge von direkten Freunden sondern auch was diese bei weiteren Bekannten tun und dafür muss man nicht mal aktiv stalken. Das mag den Einen bereichern, den Anderen beängstigen. Ich wünschte ich könnte nur Positives daraus ziehen und von dem Spielerischen dabei mitprofitieren. Das ist Grüblern wie mir aber leider nur kurzweilig möglich.

Für die Änderungen im Konsum- und Kommunikationsverhalten kann man niemand einen Vorwurf machen. Man ist zum Teil Sklave der Plattformen und ihrer Funktionen aber auch der Verhaltensweisen seiner Kontakte. Vielen ist das vielleicht gar nicht bewusst oder es stört sie nicht. Jedem das Seine – Live and let live…. Ja.

Klingt irgendwie theoretisch.

Momentan habe ich keine Antwort darauf wie es mit uns weitergeht. Mit dem Onlineding und mir, zumal es ja auch mein täglich Brot ist und ich mir so doppelt ins eigene Bein schieße – auch mit diesem sehr persönlichen Text hier. Ich weiß nur, dass ich mich so grade nicht wohl fühle. Ich weiß ich werde in ein paar Tagen 38 und eigentlich müsste man da doch reifer sein, abgebrühter, was auch immer. Solche Dinge leichter nehmen, sich selbst und der Umwelt zuliebe. Ich weiß nicht was sich ändern müsste, oder ob ich mich oder meine Erwartung ändern kann und will. Einfach locker machen geht nicht, das habe ich einige Male gespürt.

Und warum veröffentlichst du das alles jetzt?
Weil es befreit solche Gedanken runterzuschreiben und weil es vielleicht anderen hilft ihre Gedanken zu sortieren und einzuordnen, weil ich gelernt habe, dass es da draußen Leute gibt, denen es ähnlich geht. Leute, die vielleicht nicht den Mut besitzen so etwas auszusprechen oder noch weniger Worte finden als ich.

Ist dir das nicht peinlich?
Die oben genannten Punkte zählen für mich mehr.
                                              
Jetzt grade fühlt es sich so an als würde ein Teil von mir sterben. Das klingt dramatisch und vielleicht belächelt ihr meine Worte, fragt euch was das Gejammer soll. Aber es ist ehrlich und ich hatte das Gefühl es ist an der Zeit diesem Ausdruck zu verleihen.


Ursprünglich veröffentlicht am 29.11.2011 auf posterous // die alten Kommentare konnte ich leider nicht mitimportieren 🙁

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